Ein kleines Beispiel für die Wahrheitsliebe und das Verantwortungsbewusstsein deutscher Qualitätsblätter

Grosse Aufregung herrschte vor knapp einem Jahr, Anfang November 2015, im deutschen Blätterwald. Den üblichen Hetzern und Verschwörungstheoretikern bescherte der Tod des ehemaligen Beraters der russischen Präsidenten Medwedew und Putin, Gründers des Senders Russia Today und Pressechefs von Gazprom Michail Lesin (oder Lessin) in einem Hotel in Washington reihenweise feuchte Träume.

Ein toter Russe aus dem weiteren Dunstkreis Putins in einem Hotelzimmer in der Hauptstadt des Erzfeindes USA, noch dazu mit Verletzungen an Kopf, Hals Oberkörper und Extremitäten, ein Geschenk von der Sorte, die es nur gibt, wenn Ostern und Weihnachten zusammenfallen.

Die Süddeutsche titelte:

„Ex-Putin-Berater Lessin starb gewaltsam“,

das Handelsblatt:

„Früherer Putin-Berater Lessin starb gewaltsam“,

Spiegel online sah sich gar genötigt, sich am gleichen Tag, dem 11. März 2016, gleich zweimal dem Thema zu widmen. Meldete das ehemalige Nachrichtenmagazin am Morgen um 10:59 Uhr noch für Spiegel-Verhältnisse vergleichsweise neutral:

“ US-Gutachten – Putin-Berater Lessin kam gewaltsam ums Leben“,

so hatte um 18:18 der damalige Moskauer Korrespondent Benjamin Bidder sein in aller Eile zusammengeschmiertes Propagandaelaborat fertiggestellt und Spon konnte, bereits das Ergebnis der Untersuchung der Us-amerikanischen Ermittlungen vorwegnehmend, verkünden:

„Mord an Putin-Berater – Der mysteriöse Tod des Bulldozers“,

während man bei Zeit-online, wenigstens noch in der Überschrift Seriosität vortäuschend, allerdings sechs Stunden, um 12:17 Uhr, vor Spiegel-Bidder fragte:

„Warum starb Michail Lessin“,

näherte man sich im Text dann aber dem so sehr herbeigewünschten Untersuchungsergebnis, zwar immer noch in eine Frage gekleidet, schon etwas mehr an:

„Wurde Lessin zu Tode geprügelt? …war sein Tod geplanter Mord?“

Um den Eindruck, hier sei eine Verschwörung im Gange, zu untermauern, war man sich bei der „Zeit“ auch nicht zu schade, seinen Leserinnen und Lesern eine dicke Lüge aufzutischen:

„Warum sie so lange brauchten, um das herauszufinden, dazu geben die Behörden keine Auskunft.“

Das ist schlichtweg falsch. Und dieser Umstand kann dem oder den Autoren, die es vorzogen, lieber nicht als solche benannt zu werden, auch nicht entgangen sein, denn die Washington Post berichtete bereits einen Tag, bevor Zeit-online seine wüste Mord-und-Totschlaggeschichte ins Netz stellte:

„Ein Beamter des D.C. Medical Examiner’s Office sagte, dass die Sektionsbefunde eine ungewöhnlich lange Zeit in Anspruch nahmen, weil Beamte Drogentests abgewartet hätten, und die Ergebnisse einem Peer-Review unterzogen hätten, ein Schritt, der nur in besonderen Fällen Anwendung fände“

Ein Peer-Review, so wurde es am 24. März hier in diesem Blog bereits erklärt, ist ein Kreuzgutachten zur Qualitätsicherung bei wissenschaftlichen Publikationen und kann sich oftmals über Monate hinziehen.

Dass der unwahrscheinliche Fall eingetreten war, die Redaktion von Zeit-online habe den Artikel der Washington Post nicht gelesen, widerlegt das Blatt selbst. In dem bereits am frühen Morgen online gestellten Artikel:

„Früherer Putin-Berater starb an Kopfverletzungen“,

zitiert „Zeit online“ selbst aus der Post. Allerdings ist der einzige Satz des gesamten Artikels, der sich für die Verschwörungsgeschichte der „Zeit“ eignet, wenn man ihn denn aus dem Zusammenhang reisst:

„Ein Sprecher (der Polizei) wollte laut Washington Post nicht sagen, ob es sich bei der Gewalteinwirkung um ein Verbrechen gehandelt habe.“

Es ist, aus Sicht der „Zeit“ durchaus verständlich, warum man die werte Leserschaft nach Strich und Faden belügt, wenn man ihr Erkenntnisse vorenthält, die ebenfalls von der Washington Post recherchiert, allesamt daraufhindeuteten, dass der schwer alkoholkranke Lesin sich zum Zeitpunkt seines Todes schon mehrere Tage auf einer exessiven Sauftour befunden hatte.

Link: Beitrag

Kommentar verfassen